Der lange Weg nach Estland

Das Ziel ist klar. Wir möchten möglichst zügig den nördlichsten Punkt unserer Tour erreichen und dann in etwa zwei Wochen bis nach Berlin fahren. Soweit so gut. Die 2400 Kilometer, die Google Maps meldet, lassen uns dann zwar doch kurz schlucken. Aber nützt ja nix, los geht’s.

Unterwegs gabeln wir noch unsere Superreisebuddys Caro, Martin und die kleine Eva auf. Und dann geht es einmal quer durch Deutschland bis kurz vor die polnische Grenze. Und wie kann es anders sein, wenn ich Urlaub habe, es schüttet wie aus Kübeln. Der Regen tut zwar sicher gut, ist aber obermühsam zum Fahren. So kämpfen wir uns Kilometer für Kilometer voran, bis wir dann unser Nachtlagen auf einem tollen Familienbauernhof aufschlagen. Das Camp ist sehr liebevoll gemacht und wir werden freundlich empfangen. Und das Beste, es stehen nur noch zwei andere Camper da, der Regen hört allmählich auf und es gibt ne warme Dusche. Was will man mehr.

Nach einer etwas klammen Nacht und einem nebeligen Morgen zieht es uns zeitig wieder los. Denn es liegen immer noch einige Kilometer vor uns. Die Route führt uns einmal quer durch Polen und wir sind einigermassen erstaunt über die wirklich gut ausgebaute Autobahn und die gute Infrastruktur mit Raststätten. So kommen wir recht gut voran. Nur die Strasse ist über weite Strecken recht eintönig und führt über Kilometer durch eine riesig breite Schneise im Wald.

Unser Ziel ist heute der Biebrzanski Nationalpark. Chat GPT hat uns versichert, dass dort Elche zu sehen sind. Aber irgendwie hat er sich doch getäuscht. Das empfohlene Camp ist zwar sehr schön gelegen und wir sind fast alleine auf der riesigen Wiese. Die angelegten Stege und Aussichtstürme sind aber leider grösstenteils entweder verlottert oder so eingewachsen, dass nichts zu sehen ist. Wenigsten werden wir mit einer supertollen Abendstimmung entschädigt.

Wir wollen am nächsten Tag am frühen Morgen nochmals einen Versuch machen. Das mit dem pünktlich Aufstehen ist bei mir so eine Sachen. 4:15 ist aber auch wirklich viel zu früh. So muss die arme Caro alleine los und ich komme dann fangs eine Stunde später hinterher. Elche sind weit und breit immer noch keine zu sehen. Ein paar Enten und Vögel, damit hat es sich. Aber der Spaziergang tut doch gut nach den langen Fahrten und mit dem Bodennebel entsteht eine mystische Stimmung.

Nach einem gemütlichen Frühstück in der Sonne geht es wieder los. Schon bald erreichen wir mit Litauen unseren ersten baltischen Staat. Wuhu, wieder kann ich etwas von meiner laaaangen «unbedingt machen möchte Liste» streichen. Die Landschaft ist geprägt von unglaublich grossen Getreidefeldern, Mähdreschern mit riiiesigen Mähbalken und überall riesigen Getreidesilos (ja ich weiss, ich weiderhole mich).

Die Autobahn wird leider bald zu einer Hauptstrasse, auf der man mit 90km/h im Sandwich zwischen Lastwagen dahindonnert. Seeeeeehr entspanntes Fahren momol. Im Gegensatz zu anderen überleben wir den Tag ohne Blessuren.

Die Strecke möchte ich also nicht jeden Tag fahren müssen. Ach ja sogar eine super fancy E-Tankstelle finden wir für eine Nachmittagspause. Also das E brauchen wir ja nicht mit unseren Euro 0 Schleudern räusper. Aber das fancy Klo und das verkaufte Eis nehmen wir dann doch gerne. Unser Camp schlagen wir bei einem hübschen kleinen Hof auf, der im Garten ein paar Camperplätze anbietet. Sehr liebevoll gemacht, warme Dusche und, noch wichtiger für mich, Abwaschen mit warmem Wasser inklusive. Ein kleiner Camperheaven!

Fussläufig gibt es sogar einen kleinen Badesee. Gut, zum Baden macht er mich jetzt nicht sooooooo an, aber für einen frühmorgendlichen Spaziergang doch ganz hübsch.

Da die kleine Eva so toll mitgemacht hat, stehen nur noch knapp 500 Kilometer zwischen uns und unserem Ziel, dem Lahemaa Nationalpark. Das packen wir heute noch. Autobahnen gibt es zwar keine mehr auf unserer Strecke aber so eine Art Schnellstrassen. So kommen wir doch recht gut voran. Durch Lettland fahren wir quer durch und checken irgendwie gar nicht, dass wir schon in Estland sind. Denn Grenzübergang haben wir irgendwie keinen gesehen. Ein paar Kilometer vor dem Ziel werden wir dann noch von einer Polizeikontrolle aufgehalten. Und Premiere, ich muss das erste Mal in meinem Leben einen Alkoholtest machen. Wer hätte das gedacht, dass ich dafür bis nach Estland fahren muss! Die Polizisten waren aber sehr nett, wir hätten nix falsch gemacht und seien auch nicht zu schnell gefahren, sie machen Kontrolle wegen illegalen Einwanderungen. Haben in unsere Autos geschaut und unsere Dokumente überprüft, dann durften wir weiter.

In Estland gibt es ein Netz von sogenannten RMK Camps. Das sind Rastplätze, die meist eine Zeltwiese haben aber je nach Camp auch die Möglichkeit mit dem Auto da zu stehen. Es gibt ein Plumsklo, Feuerstellen und überdachte Tische. Und dazu noch gratis Feuerholz. Sehr Tooles Angebot und wir sind schon sehr gespannt auf die weiteren Camps. Heute übernachten wir auf dem RMK Oandu Camp. Eine sehr grosse Anlage auf der auch einiges los ist. Mit den Autos steht man quasi auf dem Parkplatz aber das ist ganz o.k. Da es doch wieder recht spät ist gibt es einen schnell gekochten Stocki mit Würstchen und Spiegeleiern. Und dann werden wir noch von einer Gänsewanderung überrascht. Immer wieder ziehen grosse Gänsegruppen mit viel Gequake über uns hinweg. Ein tolles Schauspiel.

Nun freuen wir uns sehr darauf, was die baltischen Staaten uns in den kommenden Tagen zu bieten haben!